Bürgergemeinschaft zieht Zwischenbilanz des Digitalisierungsprojektes
Seit einem Jahr ist der Vorstand der Bürgergemeinschaft Eutin e.V. kontinuierlich damit beschäftigt, sich um die Digitalisierung des Anzeigers für das Fürstentum Lübeck zu kümmern.
Zunächst mussten Gelder eingeworben werden, damit das gewaltige Projekt, 200 Jahre Stadtgeschichte im Internet für jeden zugänglich zu machen, realisiert werden konnte. Der Verein sieht in der mit der Digitalisierung verbundenen Möglichkeit, zu jeder Tageszeit in der Zeitung blättern zu können, eine faszinierende Chance für alle ehrenamtlichen Heimatforscher.
Dieser Idee konnte sich der Heimatverband schnell anschließen, der bei seinen Mitgliedern Geld sammelte und nahezu 3.000 Euro auf das Spendenkonto überwies. Auch die Kulturstiftung der Sparkasse Holstein, der shz, das Kultusministerium des Landes Schleswig-Holstein, der Kreis Ostholstein und die Stadt Eutin haben sich beteiligt.
Die praktische Durchführung liegt bei den Elbe-Werkstätten in Hamburg. Dort wird in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, verbunden mit einer beeindruckenden technischen Ausstattung, die Digitalisierung durchgeführt. Unverzichtbarer Projektpartner ist die Eutiner Landesbibliothek, die einerseits die bereits in den 1980er Jahren mikroverfilmten Zeitungen zur Verfügung gestellt hat, andererseits mit ihrer Homepage die Veröffentlichungsplattform bildet.
Mit Hilfe der Elbe-Werkstätten wurde ein Konzept zur Digitalisierung den Zeitungen entworfen. Dabei war der Tatsache Rechnung zu tragen, dass der Anzeiger im Laufe seiner Geschichte in unregelmäßigen Abständen Format und Layout gewechselt hat, was Auswirkungen auf die Art der Digitalisierung haben musste.
Nun kann heute, am 05. Januar, quasi als verspätetes Weihnachtsgeschenk für alle Heimat- und Familienforscher der Zugang zu den Zeitungen des 19. Jahrhunderts öffentlich präsentiert werden. Für diesen Zugang, der äußerst einfach gestaltet ist, waren umfangreiche Hintergrundarbeiten an der Homepage der Eutiner Landesbibliothek notwendig. Dies ist zum einen der einfachen Handhabung geschuldet, die den Nutzer mit wenigen Clicks zur gesuchten Zeitung leitet. Auf der anderen Seite musste - auch schon für das 19. Jahrhundert - ein gewaltiger Datenbestand eingearbeitet und verwaltet werden. Etwa 6.800 Zeitungen sind zwischen 1802 und 1900 erschienen, nur sehr wenige Ausgaben sind derzeit nicht online verfügbar.
In einer weiteren Tranche werden voraussichtlich im Frühjahr die Ausgaben von 1900 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eingestellt.
Zurzeit werden durch die Elbe-Werkstätten die Zeitungen seit 1950 digitalisiert. Diese Ausgaben werden mit einem so genannten OCR-Verfahren überzogen, das es ermöglicht, in diesen Ausgaben mit Hilfe einer Suchfunktion zu arbeiten. Es ist davon auszugehen, dass auf diese Zeitungen im Herbst / Winter zugegriffen werden kann.
Mit dem Internet-Zugang zu diesen Zeitungen gibt die Eutiner Landesbibliothek gleichzeitig auch den Startschuss zur "Eutiner Digitalen Bibliothek", mit der besonders interessante, schützenswerte Digitalisate erforscht werden können.
"Die Gründung der Zeitung im Jahr 1802 ist ein Ausdruck des bürgerlichen Selbstbewusstseins, so dass man über das Studium der Ausgaben einen fundamentalen Einblick in das Leben und Denken des 19. Jahrhunderts bekommt", so Regine Jepp, Sprecherin der Bürgergemeinschaft Eutin e.V. "Auch nach einem Jahr elektrisiert mich die Idee, jederzeit über die Zeitungen und damit über einen wesentlichen Teil des Gedächtnisses unserer Stadt zu verfügen, bis heute."
HINTERGRUND
Zeitungsgründung
Der Realismus der Aufklärungszeit erreicht im späten 18. Jahrhundert auch Eutin. "Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen", ist die Devise. Der Eutiner Hofbuchdrucker Benedict Christian Struve erkennt die Chance und beantragt bei der fürstbischöflichen Regierung die Konzession für die Herausgabe eines Wochenblattes im September 1798. Doch nur wenige Tage später erhält er eine Absage. Peter Friedrich Ludwig befürchtet die Verbreitung liberaler oder gar demokratischer Ideen.
Der erneute Anstoß zur Gründung eines Wochenblattes kommt wenige Jahre später. Behördliche Anordnungen werden sonntags nach dem Gottesdienst von der Kanzel verlesen. Damit erreicht man in der Regel zumindest ein Mitglied jeder Eutiner Familie. Dies wird für die Pastoren mehr und mehr ein Ärgernis, gehören sie doch mit ihren oftmals sehr weltlichen Ansätzen eigentlich nicht in ein Gotteshaus. Dies teilt Superintendent Göschel dem Großherzog mit, der ihm in der Einschätzung zustimmt. Man stellt fest, dass es in Eutin und Umgegend an einem Publikationsorgan fehle, so dass Struve gebeten wird, der Einrichtung eines Wochenblattes näher zu treten.
Dabei behalten sich die Geburtshelfer nicht nur das Zensurrecht vor, sondern Hofbuchdrucker Struve muss die öffentlichen Bekanntmachungen unentgeltlich abdrucken. Struve erhält die Auflage,
einen Redakteur zu beschäftigen, der darauf zu achten hat, dass keinen staatsgefährdenden Umtrieben Vorschub geleistet wird. Dies ist ein rechtes Ärgernis! Struve zwar einen kompetenten Mann,
doch erhält dieser ein Sechstel dessen, was durch die Abonnements eingenommen wird.
Einige Trouvaillen
Die einmalige Chance, am eigenen PC der Eutiner Stadtgeschichte auf die Schliche zu kommen, nutzt die Sprecherin der Bürgergemeinschaft Eutin e.V. und hat sich tief ins 19. Jahrhundert "hinein gedacht". Dabei kommen zahlreiche kleine, aber überaus interessante Details der Stadtgeschichte zutage:
So z. B. die Meldungen des Immobilienhandels oder die kirchlichen Nachrichten, die über Getaufte, Verheiratete und Gestorbene berichten. Doch auch hier ist – fast wie heute – mit Kritik auch schon im frühen 19. Jahrhundert nicht gespart worden: plötzlich setzen die Personenstandberichte aus, weil der Verfasser angefeindet wurde, "warum nennt man mich Jungfer, wo ich doch eine Demoiselle bin" – entnervt lässt der Redakteur vermelden, "er wolle nun fortfahren, die Listen abzudrucken, verbäte sich aber für die Zukunft alle Neckereien."
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die "große Politik" überwiegend von der Napoleonischen Zeit, den Befreiungskriegen und der nach 1820 eintretenden langsamen wirtschaftlichen und politischen Konsolidierung bestimmt. Der Korse hinterlässt im Wesentlichen eine Spur: Im Juni 1809 meldet der Anzeiger eine umfangreiche Erklärung, die mit "Napoléon, Empereur de francais" beginnt. Fraglich ist, wie viele den Text in Gänze verstanden haben, denn eine Übersetzung wird nicht abgedruckt.
Auch wenn das Eutiner Gebiet von Kriegsverheerungen verschont bleibt, so hat dieser Landesteil doch zahlreiche Kosten zu tragen. Diese machen die Einführung einer Accise (Verbrauchssteuer) auf Branntwein notwendig, d. h. diejenigen, die Hochprozentiges konsumieren, beteiligen sich dadurch direkt an den Kriegskosten.
Die Gründung der Spar- und Leihkasse durch Stadtsyndikus Johann Georg Specht fällt ebenfalls in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sinn der Einrichtung ist "die dienenden Klassen zum Sparen anzuhalten, für Notfälle vorzusorgen und so die Kommunen fühlbar zu entlasten" (Zander). Bereits im Jahr 1830 (Anzeiger vom 13. November) fordert ein Leserbrief die Errichtung einer Sparkasse, übrigens direkt neben einem "Eingesandt", das die Frage aufwirft, wie dem unmäßigen Branntweingenuss als ein, die Gesundheit zerstörendes, Übel abgeholfen werden kann? "Antwort: Durch ein gutes und kräftiges Bier!"
Die Bevölkerung nimmt regen Anteil an den Ereignissen im Herzogshaus selbst. Hochzeiten und Geburten werden gefeiert. Am 06. Juni 1829 wird zu Ehren des Todes von Peter Friedrich Ludwig für sechs Monate Staatstrauer ausgesprochen.
Die "Kleidertrauer" der bediensteten Uniformträger mutet heute recht merkwürdig an:
In den ersten zwei Monaten ist schwarzer Krepp am Arm, an der Weste, an den Beinkleidern, am Hut und am Degen zu tragen. Die Füße stecken in schwarzen wollenen Strümpfen und die Schuhe haben schwarze Schnallen. In den nächsten zwei Trauermonaten ist die Kleidung wie vorher, aber die Strümpfe müssen aus schwarzer Seide sein und die Schnallen sind blau. In den letzen zwei Monaten hat die Uniform eine schwarze Weste und Hose zu haben, die Schuhe tragen weiße Schnallen, der Krepp entfällt. Die Nicht-Uniform-Träger tragen in den ersten vier Monaten einen schwarzen Anzug mit Flor am Hut, in den letzten beiden Monaten schwarze Unterkleider mit Flor am Arm. Für das Porte-Epée des Hirschfängers des Forstpersonals gibt es Extraregelungen. Während der gesamten Trauerzeit siegeln alle Behörden ihre Ausfertigungen von Regierungspost mit schwarzen Oblaten bzw. schwarzem Siegellack.
In einer Zeit, in der Fett nur als unliebsame Kalorienbombe, bestenfalls als Geschmacksträger angesehen wird, aber nicht als dringend notwendiger Energielieferant, mutet es unappetitlich an, was der letzte Scharfrichter Koch, der bis zu seinem Tod 1834 in Amt und Würden ist, annonciert: frisches Pferdefett ebenso wie frisches Hundefett (Anzeiger vom 20. Januar 1816), aber auch frisches Hundeschmalz (Anzeiger vom 15. Februar 1817). Ob es sich dabei um eine Delikatesse oder um ein medizinisches Hausmittel gehandelt hat, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden.
Wie heute häufen sich in der Vorweihnachtszeit die Anzeigen über alle denkbaren Leckereien, die auch uns das Wasser im Mund zusammen laufen lassen: Rosinen und Korinthen, Malaga- und Punschzitronen, smirnische Feigen, Apfelsinen und Pomeranzen werden ebenso angeboten, wie Hamburger Zuckerpuppen, Kandis, Zuckerboltjes, italienische Vanille-Schokolade, Nürnberger braune Lebkuchen oder auch Wiener Likör-Figuren, Hamburger und Lübecker Marzipan und verschiedene Schokoladen (z. B. Anzeiger vom 13. Dezember 1834, 19. Dezember 1846). Auch erstes Vanille-Eis genießen die Eutiner bereits im Jahr 1808 (Anzeiger vom 15. Oktober 1808).
Nicht nur Weber ist in Eutin zu Hause. Bei der Durchsicht des Anzeigers erfährt man, dass oft und gerne in der Stadt gefeiert und getanzt worden ist. Auch Maskenbälle werden zu Hauf veranstaltet. So lädt Konditor Gramstorff zum Rathausball am 27. Februar 1827 ein. Der Eintritt beträgt 12 Schillinge für Musik und Licht, auch unkostümierte Gäste sind willkommen. Dienstmädchen allerdings werden ohne Maske nicht zugelassen (Anzeiger vom 24. Februar 1827). Wenige Jahre später bei dem gleichen Ereignis heißt es allerdings, "Dienstboten werden nicht zugelasen und haben sich vor Unannehmlichkeiten zu hüten" (Anzeiger vom 11. Februar 1832).
Eine Anzeige weckt unter Musikliebhabern Interesse wie Skepsis. Im Anzeiger vom 18. Januar 1817 schreibt M. Kral "Violin-Anzeige Den Herrn Virtuosen und Musikliebhabern zeige ich ergebenst an, daß ich eine ausgespielte Cremoneser Violine, von Antonius Straduari im Jahre 1699 verfertigt, zu verkaufen habe. … Mein verewigter Sohn F. Kral hat auf derselben in verschiedenen Städten mit dem größten Beifall Conzerte gespielt." Leider erfahren wir nicht, ob der Handel abgeschlossen worden ist. Ob das Instrument wohl eine echte Rarität oder eine der damals schon beliebten Nachahmungen gewesen sein mag?
Am 14. März 1834 geruht der Großherzog, Musikus Langenbuch das Musikprivilegium der Stadt zu erteilen und zugleich eine "Taxe höchstgenehmiget zu haben, nach welcher die musikalischen Leistungen des Stadtmusikanten zu bezahlen sind…" (Anzeiger vom 29. März 1834). Es folgt eine umfangreiche Liste, nach der die verschiedenen Leistungen, zu verschiedenen Anlässen, an verschiedenen Orten abzurechnen sind. Bei Hochzeiten zahlt das Brautpaar willkürlich, wenigstens aber zahlt der Bräutigam für den Ehrentanz mit Blasinstrumenten.
In Wirtshäusern bei einfachen Tanzgelagen wird tanzweise abgerechnet. Wenn vier Musici einen langen Walzer, einen Hops- oder einen Galoppwalzer spielen, zahlt jedes tanzende Paar 2 Schillinge.
Zu Beginn der 1830er Jahre gibt Hellwag Ratschläge zu Vermeidung der Cholera, und er ist damit sehr erfolgreich, denn im Fürstentum Lübeck gibt es während der Epidemie im Jahr 1832 nur einen einzigen Toten (Anzeiger vom 05. Januar 1833). Er sorgt bei der Regierung dafür, dass aus Sicherheitsgründen der Herbstmarkt ausfällt (Anzeiger vom 15. Oktober 1831). Auch die Buchhandlung Kreutzer und der Hofbuchdrucker Struve bieten diverse Bücher mit Handlungsanweisungen gegen die Krankheit an (z. B. Anzeiger vom 25. Juni 1831).
Einen breiten Raum nehmen die Nachrichten ein, die die Bevölkerung auf einen sorgsamen Umgang mit dem Thema Alkohol hinweisen sollen. Die Warnung, die der Artikel "Der Trinker vor dem Richter" (Anzeiger vom 04. Mai 1844) enthält, ist unüberhörbar. Auch der Beitrag "Kein Trunkenbold sondern ein gewöhnlicher Branntweintrinker" (Anzeiger vom 13. Januar 1844) macht unmissverständlich klar, welche Absicht verfolgt wird. Allerdings gibt es auch Hinweise zur häuslichen Herstellung von Ingwer- und Champagner-Bier (Anzeiger vom 27. Juni 1846). Die Statuten des Enthaltsamkeitsvereins werden am 26. August 1837 abgedruckt, diese Gruppierung ist äußerst rege und trifft sich zu ihren Versammlungen auch in der Gastwirtschaft "Cohrs" (u. a. Anzeiger vom 27. August 1842, 05. November 1842, 16. Januar 1847 und 16. September 1848).
In den "Gemeinnützigen Nachrichten" werden u. a. lebenspraktische Haushaltstipps abgedruckt, so z. B. "Wollene Zeuge zu waschen, daß sie gar nicht einlaufen", "Methode, viele und große Hühner-Eier zu bekommen" (beides Anzeiger vom 08. November 1845) oder auch "Mittel, die Butter Jahr lang aufzubewahren, so daß sie sich immer frisch hält" (Anzeiger vom 24. April 1830).
Zu den eher kuriosen Tipps gehört wohl der Hinweis, Kastanien als Nachtlicht zu verwenden. Dazu soll man die Früchte schälen, mit einem Docht versehen und mit Brennöl tränken. Zwar riechen diese Lichte schlecht und rußen, aber auch hierzu gibt es gleich zwei passende Hinweise: erstens ein mit Essig getränkter Schwamm, der Gestank und Ruß aufnimmt oder zweitens der nächste Tipp: die Herstellung von Kölnisch Wasser. Dazu werden zahlreiche ätherische Öle mit Alkohol vermengt, destilliert und durch ein Tuch gegeben (beide Tipps Anzeiger vom 05. September 1829).